Die Kinosoftware-Branche steht an einem spannenden, aber auch entscheidenden Wendepunkt. Nie war das Potenzial für schnelle Innovation größer – die Frage ist nur, ob wir bereit sind, dafür anders zusammenzuarbeiten. Bei der jüngsten ICTA-Diskussion auf der CineEurope, „Connected Cinema: Breaking Down the Software Silos Holding Our Industry Back“, kam eine zentrale Erkenntnis auf den Tisch: Die größten technologischen Probleme der Branche sind gar keine technischen Probleme. Und das heißt im Umkehrschluss: Sobald wir die menschlichen und wirtschaftlichen Hürden gemeinsam angehen, stehen uns alle Türen offen.
Bevor wir diesen Weg genauer betrachten, lohnt sich aber erst ein Blick darauf, wie der Motor im Hintergrund überhaupt funktioniert.
Der Motor unter der Haube: APIs im Kino
Im Kern moderner Software stecken APIs (Application Programming Interfaces) – man kann sie sich wie einen universellen Dolmetscher vorstellen, der zugleich als sichere Brücke zwischen verschiedenen Softwaresystemen dient. Im Kino übernehmen Kassensystem (POS), Theater Management System (TMS) und die Saaltechnik jeweils eigene, klar abgegrenzte Aufgaben.
Setzen diese Systeme auf offene, gut durchdachte APIs, sprechen sie in Echtzeit miteinander. Wird zum Beispiel an der Kasse ein Ticket verkauft, kann eine offene API automatisch dafür sorgen, dass das TMS die Lichtsteuerung anpasst, bestimmte Vorprogramm-Inhalte startet oder die Sitzplatzanzeige auf den Displays aktualisiert. Aus einem Sammelsurium einzelner Technologien wird so ein einziges, rundlaufendes System.
Ein einziges, rundlaufendes System.
Wichtig dabei: Eine API gibt nichts von dem preis, was ein Produkt eigentlich wertvoll macht – weder Code noch die dahinterliegende Logik, geschweige denn geistiges Eigentum. Sie ist schlicht ein definierter Kanal für den Datenaustausch. Am besten stellt man sie sich wie eine Tür vor, durch die Daten an die vom Kinobetreiber gewählten Partner fließen. Verbinden sich diese Anbieter, profitiert am Ende genau der Betreiber, für den sie arbeiten.
Von Silo-Denken zu echten Synergien
Kommunizieren POS, TMS, Werbeplattform und Saaltechnik nicht reibungslos miteinander, sollten wir uns ehrlich fragen: Hätte man die Integration nicht von Anfang an mitdenken können? Denn schlecht geschriebener Code ist selten das eigentliche Problem. Technische Hürden lassen sich immer lösen – echte Interoperabilität aber braucht geteilte Verantwortung.
Öffnen Softwareanbieter ihre APIs mit fairen, transparenten Modellen, steigern sie damit den Wert ihrer Produkte, statt ihn zu verwässern – denn gerade diese Verbindungen machen sie für Kinobetreiber unverzichtbar. Blicken wir in zehn Jahren zurück auf eine besser vernetzte Branche, werden es die protektionistischen Strategien sein, die auf der Strecke geblieben sind. Offenheit wird sich als der schnellere Weg zum Wachstum erwiesen haben.
Offene APIs sind aber erst der Anfang. Ein einheitlicher weltweiter Standard für Film- und Release-IDs wäre ein echter Gewinn – eine gemeinsame Sprache, die Systemintegration über internationale Kinoketten hinweg deutlich vereinfacht. Denn die Systeme müssen zweifelsfrei wissen, mit welchem Film und welcher Fassung sie es genau zu tun haben, um zuverlässig automatisieren zu können. Ohne gemeinsamen Standard kämpfen Kinoketten mit konkurrierenden Nummerierungssystemen, was jeden einzelnen Datenaustausch unnötig verkompliziert. Und lösen lässt sich das nur ganz am Anfang der Lieferkette, dort, wo diese Kennungen vergeben werden.
Der direkte Zugriff auf physische Hardware ermöglicht tiefere Integrationen.
Genauso würde es helfen, Entwicklern mehr Zugang zur physischen Hardware der Hersteller zu geben – etwa durch flexible Testzeiträume, virtuelle Testumgebungen oder Leihgeräte. So ließe sich gründlicher testen, und Rollouts liefen deutlich reibungsloser. Und wenn Hersteller neue APIs entwickeln, zählt frühzeitige Kommunikation fast genauso viel wie die API selbst: Ohne ausreichend Vorlauf lässt sich schlicht nicht sauber dagegen testen und entwickeln.
Sprechen die Systeme tatsächlich miteinander, zeigen sich die betrieblichen Vorteile sofort und messbar. Echte Automatisierung – etwa synchronisierte Start- und Abschaltroutinen für die Hardware oder die automatische Auswahl von Playlist-Inhalten je nach Leinwandtyp – spart Kinobetreibern täglich Stunden an manueller Arbeit und senkt gleichzeitig spürbar den Energieverbrauch und die Kosten.
Die Bühne für Innovation ist bereitet. Damit sich der Vorhang aber tatsächlich hebt, braucht es offene Standards, offene Vernetzung und Flexibilität auf Seiten der Hersteller. Branchenverbände und neutrale Vermittler können hier eine entscheidende Rolle spielen, um diesen Dialog voranzutreiben.
Als Technologieverantwortliche haben wir jetzt die Chance, die Zukunft aktiv mitzugestalten. Wer sich für Zusammenarbeit statt Abschottung entscheidet, macht nicht nur die eigenen Lösungen besser, sondern stärkt das gesamte Kino-Ökosystem – und schafft vor allem echten Mehrwert für die Kinobetreiber.
Andreas Stier,
Sales-Director bei OneCinema